Rutishauser/Kuhn. Der Zuhörer als Übersetzer

Text aus: Rutishauser/Kuhn. Der Text als Gebrauchsanweisung, performative Lesung

 

 

Wenn wir denken lernen und sprechen, lernen wir, die Gegenstände in die Sprache zu übersetzen, sie aus der realen Welt der Gegenstände in die irreale Welt der Sprache zu abstrahieren. Die Beziehung zwischen den Gegenständen und den Wörtern ist gegeben und zufällig; Jean Tardieu sagt (zitiert bei Gérard Genette), «dass die Wörter von sich aus keine andere Bedeutung haben als die, die wir ihnen auf beliebige Weise geben».
Die Umsetzung der Welt in Sprache, gesprochen oder geschrieben, ist eine Übersetzung im eigentlichen Sinn: eine Überführung der stummen Wirklichkeit in den Code der Sprache, Eco bezeichnet Sprache als «eine Imitation der Wirklichkeit mittels Zeichen».
[Was die Wirklichkeit ist und ob sie wirklicher ist als ihr sprachliches Abbild (sie ist es nicht, weil sie ja gerade durch die Beschreibung fassbar und wirklich wird) und wie Sprache Wirklichkeit erzeugen kann, das ist eine andere Frage.]
Wenn wir denken oder (denkend) sprechen, dienen uns unsere zerebralen Datenbanken als Grundlage: was wir sprechen haben wir kompiliert und arrangiert; was wir sprechen präsentieren wir (ob jemand zuhört oder nicht) unserer Umwelt; was wir sprechen entspringt unserem Denken, entspringt so sehr unserer persönlichen Denk- und Sprachwelt, dass es für unsere Umwelt erst nach je individueller Filterung, nach einer Adaption auf das je verschiedene Denken, nach einer Übersetzung in die je eigene Sprache, verständlich wird.
Aus dem (scheinbar) eindeutigen Text, den der Sprecher spricht, wird, kaum ist der Text ausgesprochen, ein neues, vieldeutiges Material, das, losgelöst vom Urtext, neue Texte und damit neue Möglichkeiten beinhaltet und, seine Einstimmigkeit aufgebend, vielstimmig zu reden beginnt: die Zahl der Texte entspricht der Zahl der Zuhörer.
Was die Übersetzung trotzdem in die eigene oder die fremde Sprache hinüberzuretten vermag ist ungewiss und Grund für viele Missverständnisse.
George Steiner schreibt: «So vollzieht also jeder Mensch immer dann einen Akt des Übersetzens - und zwar im vollen Wortsinn -, wenn er eine Sprachbotschaft von einem andern entgegennimmt.» Und: «Kurzum: innersprachlich [...] ist menschliche Kommunikation Übersetzung. Wer sich auf das Problem des Übersetzens einlässt, betreibt damit Sprachforschung.»
In dieser Art der Sprachforschung ist der Forscher mit einer mehrdimensionalen Sprache konfrontiert: die gesprochene und die geschriebene Sprache, die gehörte und die gelesene Sprache, die verständliche und die unverständliche Sprache; flüchtig oder haltbar, immer ist zwischendimensional eine Übersetzung notwendig, wie auch zwischen zwei Sprachteilnehmern immer eine Übersetzung notwendig ist.
Die gleiche Übersetzungsarbeit leistet der Leser, der sich den Autor übersetzt, mit dem nicht unwesentlichen Unterschied, dass dieser den geschriebenen Text zusätzlich aus der Zeit zu übersetzen hat, während der Sprecher und sein Zuhörer, die sich gegenüberstehen, sich in einer Gleichzeitigkeit befinden: der Autor und der Leser in ihrer Zeit.
So gesehen besteht auch zwischen dem innersprachlichen und dem zwischensprachlichen Übersetzen kein Unterschied: denn jeder Leser und jeder Hörer und eben auch jeder Fremdsprachenübersetzer, muss übersetzen was er hört und liest, andernfalls der Text für ihn gar nicht verständlich wird.
So mag, was Felix Philipp Ingold über den Übersetzer fremdsprachlicher Texte schreibt, als Schlussatz gelten, denn für die kommunikative Übersetzung gilt es ebenso: «Ich übersetze nicht, nie, nur weil ich einen fremden Text verstanden habe und ihn, wozu denn auch, verständlich machen möchte; ich übersetze um zu verstehen.»

 

 

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