Rutishauser/Kuhn. Die Sprecherin und der Sprecher

Text aus: Rutishauser/Kuhn. Die Organisation der Sprache

 

 

Die Sprecherin/der Sprecher schickt sich an, ein Wort auszusprechen.
Die Hörerin/der Hörer macht sich bereit, das Wort zu hören.

Sprache ist primär gesprochene Sprache. Nur so hat sie etwas mit uns zu tun, die wir sie sprechen. Steht sie geschrieben, zum Beispiel, oder gedruckt, haben wir uns von ihr distanziert, haben sie, übersetzt in Zeichen, liegen gelassen. In Zeichen übersetzt freilich, die nichts mit den Lauten gemein haben, die wir sprechen. In Zeichen übersetzt, die die Sprache so lange bedeutungslos halten, bis jemand sie sieht, sich die Mühe nimmt sie zu sprechen und versucht, sie zu verstehen.

Der sprechende Mensch hat unmittelbar mit Sprache zu tun. Als Rohmaterial dient ihm sein Wortschatz, sein Auszug aus dem Wörterbuch. Die Rede, die er hält, hat er kombiniert, zusammengestellt und spricht sie jetzt. Die Laute, die er dabei spricht, haben mit dem Besprochenen wiederum nichts zu tun.

Könnte die Sprecherin/der Sprecher objektiv sprechen, inhaltlich, frei von Emotionen, mit einer klaren, deutlichen Stimme, ohne Suggestion, ohne Dynamik, könnte das geordnete Rohmaterial neutral vorgetragen werden, hätten es die Hörerin/der Hörer leichter: Ohne Gestik und Mimik deuten zu müssen, hätten sie für das Verständnis des gesagten dieselben Voraussetzungen.

Jetzt allerdings sprächen sie eine Sprache ohne Ausdruck. Und könnten wir die Sprache auch noch befreien von allen Regeln und jeglicher Zweckbestimmung, sprächen wir dann endlich verständlich, käme dann, was der eine spricht beim andern an, wie es ursprünglich gedacht gewesen war?

 

 

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