Rutishauser/Kuhn. Eine weitere Schwarzrede

 

 

Eine weitere Schwarzrede, Erster Teil
Eine weitere Schwarzrede, Zweiter Teil

 

 

eine weitere schwarzrede: erster teil

wir stehen hier und halten eine weitere schwarzrede.
wenige werden wissen, was sie erwartet. alle werden sich eine vorstellung gemacht haben, was sie, sie persönlich, unter dem titel eine weitere schwarzrede zu erwarten haben werden. sicher werden sich die redner etwas dabei gedacht haben, sicher wird der titel auf eine art und weise programmatisch sein, oder metaforisch, oder einfach einfach, weil es sich nämlich zum beispiel um eine rede über schwarzafrika handelt. sie haben sich die frage gestellt, haben sie sich die frage gestellt?, ob die rede nun eben im übertragenen sinn sich mit der schwärze beschäftigen wird, vielleicht schwarzhumorig, vielleicht schwarzgallig, vielleicht auch einfach pessimistisch, wie dies die erste schwarzrede gewesen ist, die wir vor sechs jahren gehalten haben.
oder ist eine schwarzrede, ist diese schwarzrede, formal schwarz?
sie ist formal schwarz, ich sage es ihnen gleich, denn gesprochen wird über etwas anderes, sie werden schon sehen,
- gesprochen wird über das sprechen, die sprache, und die sprachlichen besitzverhältnisse,
- gesprochen wird über den unterschied zwischen dem schreiben der rede und dem halten der rede. also zwischen der mündlichen und der schriftlichen rede. rede? rede ich schriftlich, schreibe ich. die transkription eines tonbandes ist kein geschriebener text, schreibt flusser: also doch: die schriftliche rede.
- gesprochen wird also über, ich sage: die zweidimensionale rede, sie breitet sich auf dem papier aus und im kopf dessen, der sie liest und
- dann auch über die dreidimensionale, was sage ich, mehrdimensionale rede, die sich frei formuliert oder vom blatt weg in den raum begibt, kurz hängenbleibt und, lassen sie es mich ein bisschen salopp formulieren, ZACK - weg ist; mehrdimensional auch darum, weil ein redner hinter den worten steht, der gestikulierend das gesicht verzieht, wenn er spricht.
- gesprochen wird über den unterschied zwischen der oralität, der freien, nicht schriftlich vorbereiteten rede, und der literalität, der möglichkeit, das gesprochen schriftlich zu fixieren, haltbar zu machen.

hier beginnen die probleme schon, sie haben es bemerkt: wir halten eine rede! niemand hält eine rede, eine rede wird gesprochen, geredet, in der hoffnung, es sei kein gerede, was da gesprochen wird und möge doch ins gerede kommen, schliesslich kommt es mit dem aussprechen seitens des redners zur sprache, möge besprochen werden anschliessend, nicht abschliessend, möge gesprächsstoff liefern, dergestalt, dass nicht nur das thema, sondern auch der redner, der persönlich zu seiner rede steht, der persönlich dasteht um seine rede zu sprechen, im gespräch bleibt. welcher redner würde es verleugnen: dass er die rede spricht, die er ja auch selber geschrieben hat, und nur dann, ist kein zufall, schliesslich sind es seine worte, seine wörter, die er an seine zuhörerinnen und zuhörer richtet; schliesslich liegt es in seinem interesse, dass er die rede spricht und jetzt, in diesem sinn auch hält.

ich habe es bereits angedeutet, und schliesse damit die einleitung und komme zum thema: die schwarzrede soll unter anderem vom sprechen handeln, also von der sprache:
sprache ist primär gesprochene sprache.
nur so hat sie etwas mit uns zu tun, die wir sie sprechen. steht sie geschrieben, zum beispiel, oder gedruckt, haben wir uns von ihr distanziert, haben sie, übersetzt in zeichen, liegen gelassen, haben sie aus den händen gegeben. wir würden es nicht ableugnen einen, vielleicht diesen text geschrieben zu haben, im normalfall aber, wenn wir einen text beendet haben, der letzte punkt gesetzt ist, dann ist es aus: alle leserinnen, alle leser, die unsern text in die hand, vor die augen bekommen, werden ihn zu ihrem eigenen text machen, nicht handgreiflich selbstverständlich, sondern selbstverständlich, weil sie mündig sind und sich ihren teil denken beim lesen.
der autor gibt nach dem letzten punkt einen absolut bedeutungslosen text aus der hand, eine lineare zeichenabfolge, laute, die er sich vorgesprochen hat, die er sich gedacht hat, die er dann in zeichen übersetzt hat, die nichts mit diesen lauten zu tun haben, die sie vertreten; schrift, die nichts mit der sprache, mit der gesprochenen sprache gemein hat, die ihr vorspricht.
texte bleiben solange bedeutungslos, bis jemand sie sieht, bis jemand sie wahrnimmt, für wahr nimmt und für lesenswert und auch für wichtig und richtig und bedeutend und bedenkenswert, bis jemand sich die mühe nimmt, sie zu sprechen, sei es laut oder leise und versucht, sie zu verstehen.
dass wir uns richtig verstehen: versucht sie zu verstehen, nicht zu deuten, zu interpretieren, nur versucht, die informationen aus dem geschriebenen zu entnehmen; die sachinformation zum beispiel, oder versucht, der erzählten geschichte zu folgen, um sie zum beispiel später nacherzählen zu können.

dann, wenn jemand die texte bedenkt, sich seine gedanken macht zu den texten, dann machen sie wieder sinn; allein, auf dem papier, auf den potentiellen leser oder die potentielle leserin wartend, sind sie nicht einmal dekorativ.
der autor, oder sagen wir, der schriftsteller, ist demnach einer, der die schrift, das ist, was er schreiben, wir sagen, was er sagen will, niederlegt, zur verfügung stellt, ein schriftsteller eben, ein -leger, besser ein autor, ein urheber, ein gründer, ein niederleger.
in diesem sinn, und nur in diesem sinn, steht der autor, der das wort auf dem papier oder auf dem bildschirm schreibt, von dem moment an, in dem er das wort niedergeschrieben hat, in einem distanzierten verhältnis zur sprache, die er benützt hat, der sprechende mensch aber hat unmittelbar mit sprache zu tun.
als rohmaterial dient ihm sein wortschatz, sein auszug aus dem wörterbuch. die rede, die er hält, hat er kombiniert, zusammengestellt und spricht sie jetzt. die laute, die er dabei spricht haben mit dem besprochenen wiederum nichts zu tun. die wörter, die er aus diesen lauten zusammensetzt, setzt er in die welt, das heisst, besser, spricht er in die welt, er spricht sie in die umgebung hinaus, bald umgeben ihn seine wörter, oder besser der lärm, den er mit seinen wörtern macht, indem er sie hinausruft; aber dann, ist es auch schon vorbei (das hatten wir vorher schon und trotzdem muss ich es immer wieder sagen): gesprochene wörter werden gesprochen, sie verklingen und sind weg.
der sprechende mensch sucht sich seine wörter, bildet sätze, spricht in einem fort und verliert immer gleich, was er gesprochen hat.
die wörter die er ausspricht, hat er in seiner mund- und rachenhöhle geformt, aus der luft, die er durch den kehlkopf gestossen, sozusagen ausgeatmet hat. die schwingenden stimmbänder, die gelockerten langsamer, die gespannten schnellers schwingend, haben dazu die töne geliefert, mit den lippen und der zunge und den zähnen hat er die laute gebildet. von der schallquelle, sagen wir, von meinem mund aus, breiten sich einander überlagernde dichtewellen verschiedener frequenz als schallwellen aus, die, bei gesprochener sprache, im bereich zwischen 150 und 10000 herz, zwischen 40 und 80 dezibel, eine schallempfindung hervorrufen. da die schallwellen bei der ausbreitung schwächer werden, sind sie in zeitlicher und räumlicher distanz von der schallquelle zunehmend schlechter wahrnehmbar. im vakuum ist die ausbreitung des schalls nicht möglich.
je nach schallspektrum lassen sich die schallereignisse oder schallempfindungen in knalle, geräusche, klänge oder töne unterteilen.
über das gehör, das gehörte, das hörbare und das unerhörte will ich nicht sprechen, obwohl darüber sprechend, in einer rede über sprache, das sprechen im vordergrund stünde.
aber weiter: sind die laute erst einmal gebildet und zu wörtern zusammengehängt, ist diese anstrengung einmal gemacht, quasi den sprechvorgang in betrieb zu setzen, dann kann die sprechproduktion beginnen. indem der sprechende mensch wörter aneinanderfügt, synthaktischen und grammatikalischen regeln entsprechend, will er sinnvolle sätze bilden. der sprechende mensch will eine mitteilung machen, die ein zuhörender verstehen kann, der er den sinn entnehmen kann. die künstlerische oder pathologisch entstellte wortäusserung, der kein sinn zu entnehmen ist, ist hier nicht von belang, weil sie zu anderem zweck, oder aus mangelndem verstehen und vermögen gemacht worden ist.
ob sein gegenüber ihn verstanden hat, wird er nie restlos klären können, auch wenn ihm versichert wird, er sei verstanden worden, muss der sprechende sich bewusst sein, dass er nicht verstanden wird. wer könnte ihn schon verstehen? wer hätte schon den gleichen wortschatz? wem würden schon die wörter dasselbe, oder wenigstens etwas ähnliches bedeuten? niemandem!

wie kommen denn die wörter überhaupt zu bedeutung?
die wörter erhalten ihre bedeutungen in mehrschichtigen prozessen, werden als hülsen beseitigt und kommen plötzlich mit neuer bedeutung wieder in den verkehr. als erstes scheint es, dass die wörter, wie immer sie auch entstanden sein mögen, ihre bedeutung aus einem hinweis erhalten, einem hindeuten, einem zeigen auf einen gegenstand, aus dem bezeichnen eines beobachtbaren vorganges, aus der beschreibung, das heisst der besprechung, auch eines abstrakten begriffs. eines begriffs, der auf diese weise zu begreifen sein muss, anzutasten, der antastbar, betastbar, erfühlbar sein muss, dass er erstens wahrgenommen wird und zweitens einen namen braucht. dann werden die wörter gebraucht, ausgesprochen und in zusammenhang gebracht, und im zusammenhang muss ich lernen, was mein gegenüber unter einem wort versteht, was in ein wort projeziert erscheint. wenn ich diese anstrengung auf mich nehme, seine wörter in seinen sätzen zu entschlüsseln und mit meinen wörter, die ich homonym für etwas anderes brauche, dann kann ich mein gegenüber annähernd verstehen. diese anstrengung unternimmt allerdings niemand, wenn ein gespräch über das austauschen alltäglicher informationen hinausgeht und sich in gebiete hinaus- und hineinwagt, die nicht mehr so einfach abzuhandeln sind, wie der austausch über den wetterbericht. such der zuhörer eines monologs, wird es nach einiger zeit, nur schon mangels konzentration, aufgeben, den wörtern zu folgen und wird sich mit den groben zusammenhängen zufriedengeben. desgleichen die zuhörer und zuhörerinnen einer rede, auch einer rede über das sprechen und das zuhören.

das schreiben der rede im hinblick auf das sprechen des textes vor einem publikum, also der geschriebene text der rede, der dann gesprochen wird, wäre in der umkehrung von flussers these, die ich eingangs zitiert habe, in der gesprochenen form, keine mündliche äusserung, kein mündlicher vortrag, weil er als geschriebener text unmöglich den regeln der mündlichen rede folgen kann. die mündliche rede folgt, auch im kopf vorbereitet, andern regeln: der redner greift auf kein schriftliches manuskript zurück, muss sich also an andere merkpunkte halten: das wird seine rede beeinflussen; sie wird durchlässiger sein, redundanter auch, sie wird sich öfter wiederholen, spontaner wird sie sein, indem sie zum beispiel auf reaktionen aus dem publikum eingeht; die mündliche rede wird sich besser dem publikum anpassen und verständlicher sein, weil sich der redner mit seiner rede in entwicklung befindet, wie der hörer, der stück für stück in die erzählung vordringt. der redner, der seine rede konzipiert und geschrieben hat, wie zum beispiel ich, wird weniger flexibel sprechen, er wird versuchen, sich an sein typsokript zu halten, schliesslich hat er sich alles genau zurechtgelegt, punkt für punkt aufgelistet und ist jetzt im begriff, punkt für punkt wieder abzuwickeln, so wie er es vorbereitet hat.
hält der redner nun eine rede, oder liest er einen text? die frage ist nicht zu beantworten. das wissen um den mündlichen vortrag wird ja wohl sein schreiben beeinflusst haben, und doch hat flusser streng genommen recht...
jedenfalls bringt er seine gedanken, die ihm aus dem kopf durch die hand aufs papier geflossen sind, nun, indem er sie spricht in die dritte dimension und hält damit, wie oben angedeutet eine mehrdimensionale rede: seine rede steht im raum! und, zum dritten: ist vorbei!

 

 

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eine weitere schwarzrede: zweiter teil.

wir stehen hier und halten eine weitere schwarzrede.
sie haben den ersten teil der rede hinter sich; es bietet sich gelegenheit ein paar grundsätzlichen fragen, die sich formal mit der schwarzrede, dem halten einer schwarzrede beschäftigen, nachzugehen.
sie sind der schwarzrede gefolgt. sie haben versucht, den worten des redners informationen zu entnehmen. der redner müsste keine schwarzrede, und auch keine andere rede halten, wenn er nicht etwas mitzuteilen hätte. bald haben sie festgestellt, dass die fehler, die sich in die rede eingeschlichen haben, und die sie anfänglich als versprecher durchgehen liessen, sich häuften, schliesslich unüberhörbar wurden, die rede zunehmend beherrschten und schliesslich sogar ein folgen, ein inhaltliches verstehen, verunmöglichten. am anfang haben sie zugehört; ich verstehe darunter ein aktives mitverfolgen, in diesem fall, akustisch dargebotenen textes. am schluss der rede haben sie gehorcht: sie haben den gesang entleerter wörter empfangen, aufgenommen. ich habe hier zwei ausdrücke verwendet, die flusser gebraucht und in dieser weise gegeneinander abgrenzt. davon später mehr.
in diesem zweiten teil der schwarzrede soll
- von der funktionsweise des ersten teils und damit des zweiten teils der schwarzrede die rede sein.
- dann soll die rede sein von der entleerung der rede und damit von einer ähnlichen rede von gerhard rühm. schliesslich geht es um
- das hören und horchen, also um den zuhörer und die zuhörerin und
- und schlussendlich um den sinn und zweck des unterfangens.

sie haben den ersten teil der schwarzrede gehört, hören jetzt den zweiten teil. sie haben bemerkt, dass mit dieser rede etwas nicht stimmt und haben versucht herauszufinden, woran es liegen könnte, dass sie zunehmend schwierigkeiten mit dem verständnis hatten. akustisch war die rede aber durchaus verständlich, wir geben uns mühe, verständlich zu artikulieren. wir haben uns auch mühe gegeben wörter zu gebrauchen, die verständlich waren und haben sätze gebildet, die nicht zu kompliziert waren. hier liegt zwar schon ein problem: der stil des redners, mit dem sich anzufreunden manchmal recht schwierig ist. wir hoffen nicht, dass das ein zusätzlicher grund für das unverständnis war.
der hauptgrund liegt selbstverständlich in der funktionsweise der schwarzrede. die schwarzrede wurde wie folgt aufgebaut: jeweils nach einer bestimmten zeilenzahl, im vorliegenden fall immer nach XY zeilen, wurde eine neue streichung eingeführt, einzelne buchstaben wurde entfernt und durch entsprechende pausen ersetzt. auf diese weise durchsetz, wie sie zweifelsohne im begriff festzustellen sind, der text sich mit pausen, vorerst kurzem, dann längerem schweigen, bis er vom schweigen verdrängt wird und verstummt. die theorie stimmt in der praxis allerdings nicht ganz, als einzige laute bleiben die vokale zurück. selbstredend, selbstlautend, selbstsicher verteidigen sie die rede, gegen das grosse, absolute schweigen.

die erste schwarzrede, vor sechs jahren in der galerie narrena in zürich gehalten, formuliert an dieser stelle, dass «das schweigen nicht nichts sagen bedeutet, sondern etwas ganz bestimmtes nicht sagen wollen, etwas verheimlichen. [...] schweigen kann auch bedeuten etwas nicht sagen können.»
im verlauf der rede wird die zuhörerin, der zuhörer an dialekte, vielleicht ans mittel- oder althochdeutsche erinnert. und wie bei solchen alten texten, bleibt auch in der schwarzrede der sinn, die begriffliche aussage noch einige zeit erhalten, erahnbar. erst nach und nach entstehen neue, durch die verstümmelung unkenntlich gewordene worte, deren verständnis auf der begriffsebene versiegt. es entsteht ein neuer inhalt, eine sinnverschiebung tritt ein, die sprache, die rede entfernt sich vom formulierten text - geräusch- und lautfolgen gewinnen die oberhand über die wörter - und wird zu einem onomatopoetischen gesang.
das mitdenken des rezipienten wird zum reinen hinhören. an einem gewissen punkt setzt das bemühen aus, den begrifflich unzugänglich werdenden grundtext zu folgen, der zuhörer gibt sich dem klang der immer vereinzelter auftretenden laute und wortfragmente hin. er versteht die rede auf einer neuen, sinnlicheren ebene und denkt weiter.
das auffälligste merkmal der schwarzrede ist ihr formales verkommen. ich möchte sagen ihre entleerung. so, wie die schwarzrede über ihre entleerung, über das sprechen, über den sprecher und die zuhörer spricht, so entleert sie sich formal und verstummt zusehends, bis sie in schönem schweigen ausharrt und wir uns aufatmend zurücklehnen können, weil wir den wortsinn, die begrifflichkeit hinter uns haben, weil uns keiner, und sei es der zwang der gruppe, mehr nötigt, der rede zu folgen, um nachher zum beispiel informiert zu sein. «die streichung ist der verlust des althergebrachten, ist der gewinn neuer möglichkeiten. die streichung ist die befreiung der sprache, das versiegen des redeschwalls in sich selbst.»
gerhard rühm schreibt in den bemerkungen zu seiner abhandlung über das welt all 1966: «die handlung (des textes), die zu einer abhandlung wird, (ist) trotz zunehmender entropie noch ziemlich lange verfolgbar. zuerst störend im sinne des versprechens, dann immer einsichtiger als prinzip herausschälend, tritt eine semantische trübung ein, kontextfremde, mehrdeutige und begriffsleere wörter entstehen. aus dem kontext werden vom hörer, gleichzeitig mit einer assoziativen ausweitung, mehr oder minder unwillkürlich die entsprechenden korrekturen vorgenommen, bis der semantische bereich bis zur unkenntlichkeit verwischt ist. [...] der text (wird) unverständlicher und gleichzeitig gegenständlicher, elementarer, die lautgebilde bezeichnen nicht mehr begriffe, repräsentieren nicht mehr, sondern stehen für sich selbst präsentieren, phänomene jenseits der reflexion.»

im ersten teil der rede wurde der sprecher als verfasser der rede beschrieben, die rolle der hörerin, des hörers blieb dabei im dunkeln. dazu jetzt mehr:
die schallwellen, die der sprecher verursacht, stossen in den raum vor und prallen an den impermeablen gegenständen ab und fahren weiter, kreuz und quer im raum herum, immer schwächer werdend freilich, bis sie verhallt sind; oder sie durchdringen permeable körper und versetzen diese ihrerseits in schwingung. was nun natürlich interessiert ist, was passiert, wenn die schallwellen auf den menschlichen körper auftreffen.
flusser schreibt dazu in seinem text über die geste des musikhörens, dass die musik, in unserem fall der text, oder die schallwellen, den Körper durchdringen und ihn in schwingung versetzten, dass sie ihn in ganz physischem sinn ergreifen. so nimmt der körper die musik des textes, den text als musik auf. nun gibt des den hörnerf, der auf den empfang von schallwellen spezialisiert ist. er leitet die schalleindrücke, die er aus der umwelt empfangen hat, ans mittelohr weiter, in der schnecke werden die verschieden schnell gegen das spitze ende laufenden wellen sortiert und zur identifikation ans gehör weitergeleitet. die geräusche werden in ihrer klangstruktur als wörter erkannt und verstanden, verknüpft und interpretiert. sie werden als zuhörerin, als zuhörer sagen, wir haben verstanden, was der redner mit seinen wörtern sagen wollte, was der redner gemeint hat. sie haben die information entnommen. mit der information haben sie dem text und der art, wie er vorgetragen wurde, noch viel mehr entnommen: der redner hat langsam und schnell gesprochen, hat in der tonhöhe und stimmlage variert, hat betonungen gemacht, wo ihm dies zum verständnis, oder zur manipulation des publikums nötig schien, er hat gesichter geschnitten und gestikuliert. alles zusatzinformationen auf die sie hätten verzichten müssen, wenn der redner zu beginn ein büchlein mit der gedruckten rede verteilt hätte.

sie haben sich zurückgelehnt und der rede zugehört, ich habe am anfang darauf hingewiesen, sie haben die rede aufmerksam mitverfolgt, sie haben aktiv mitgehört. ein aktives mithören verlang konzentration. das interesse am behandelten thema ist voraussetzung für die aufzubringende bereitschaft, sich auf das thema einzulassen. im verlauf der rede, mit wachsender unverständlichkeit der worte, verlieren sie als zuhörerin und zuhörer an konzentration und werden bald aufgeben, den stummelworten noch etwas entnehmen zu wollen. sie haben das zuhören aufgegeben und horchen der rede wie einem musikstück.
>die gehaltene rede im unterschied zur geschriebenen: die auswirkungen auf die sprache des redners wurde im ersten teil ausführlich kommentiert. auf den unterschied zwischen dem sprechen eines geschriebenen textes und dem freien sprechen, gemeinhin also dem unterschied zwischen der literalität und der oralität, muss hier also nicht mehr eingegangen werden.
die auswirkung auf das publikum steht an dieser stelle zur diskussion. walter ong schreibt dazu in seinem buch Literalität ud Oralität/Die Technologisierung des Wortes folgendes: «Das gesprochene Wort verwandelt menschliche Wesen in zusammengehörende Gruppen. Wenn sich ein Redner an ein Publikum wendet, dann bilden die Zuhörer normalerweise eine Einheit, untereinander und mit dem Redner. Wenn ein Redner das Publikum ersucht, eine ausgeteilte Stellungnahme zu lesen, und somit jeder Leser bzw. jede Leserin in seiner/ ihrer Lektüre versinkt, dann zerbricht die Einheit des Publikums. [...] Es gibt keinen Sammelnamen oder -begriff für Leser, der demjenigen des Publikums korrespondiert.»

so wie sie jetzt hiersitzen, sind sie demnach eine einheit. sie sind gekommen, weil sie am geschehen, das sie heute und hier erwartet in irgendeiner weise interessiert sind. wenn ihre erwartungen enttäuscht werden, werden sie während der vorstellung aufstehen und gehen. sie sind dann ausgebrochen aus dieser einheit. wenn sie trotzdem sitzenbleiben, waren sie zu schwach, sind sie zu schwach, sich aufzulehnen. ich bitte sie deshalb, jetzt die gelegenheit wahrzunehmen und zu gehen; was sie wahrscheinlich nicht tun werden, weil sie dann blossgestellt wären. also bleiben sie besser sitzen.

nur kurz noch, denn ich bin mit den abschliessenden ausführungen beinahe am ende. eine frage soll zum schluss dieser weiteren schwarzrede noch geklärt oder eigentlich erklärt werden. was ist der sinn und zweck des unterfangens schwarzrede?
ich werde die rede also mit einem durchaus didaktischen statement von rutishauser/kuhn abschliessen:
«die schwarzrede zeigt nicht destruktives umgehen mit der sprache. vielmehr führt sie die gesprochene sprache in einem zerfallsprozess als wandelbares, strapazierfähiges material vor. die sprache lässt alles mit sich machen. dass mit der sprache alles gemacht wird, ist absolut notwendig.
so zeigt sich in der schwarzrede die überraschende verwandtschaft zwischen dem sprecher und dem sänger, gleichzeitig das unabdingbare ineinandergreifen von hören und horchen. die hörerin und der hörer sollen nicht blossgestellt werden, sie sollen sich darüber bewusst werden, wie sie hören, so wie sich die redner versucht haben bewusst zu werden darüber, wie sie schreiben und sprechen.
die schwarzrede soll die mehrdimensionalität der sprache vorführen: die oberfläche des plätschernden wortpalavers, den untergrund der verschiedenen mitteilungsebenen.
die schwarzrede soll die sprache auf die sätze, die wörter, die buchstaben und die laute, vor allem auf die laute, die am anfang standen reduzieren um dann von neuem eine sprache aufbauen zu können.»

ich habe geschlossen.

 

 

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