Rutishauser/Kuhn. MZK Museum für zeitgenössische Kunst

Text aus: Rutishauser/Kuhn. Museum für zeitgenössische Kunst

 

 

Das Problem einer zeitgenössischen Kunstproduktion liegt in der Vermittlung zwischen dem Raum der Kunst und dem Alltagsbereich. Die zeitgenössische Kunstproduktion fördert heute eine neue heterotrope Kunst-Wirklichkeit, eine Welt neben der Welt, in der die Kunstwerke selbst resozialisiert und in ihren kritischen und subversiven Potenzen erfahrbar werden, eine Kunstwelt, in der unscheinbare Sachverhalte, Fest- und Zuschreibungen unserer pluralen Wirklichkeiten hervorgeholt, gedoppelt oder nachhaltig befremdet werden [1]. Kunst muss sich heute mit neuen Formen institutionskritischer, ideologiekritischer und sozial engagierter künstlerischer Praxis befassen und vor allem ihr künstlerisches Rollenbild reflektieren. Bezug nehmend auf gesellschaftliche und kulturelle Gegebenheiten muss die Kunst unser Denken und Sein bestimmende Strukturen und Ordnungen untersuchen, wie sie sich vor allem innerhalb von öffentlichen Institutionen und Situationen als allgemeine Organisations- und Zuschreibungsformen ablesen lassen. Diese Strategien führen die Kunst dann letztlich auch wieder zurück in den Alltag [2].

Die Keimzellen künstlerischer Innovation liegen fast immer ausserhalb der Institutionen. Die traditionelle, sichere Box des Museums ist in Auflösung begriffen [3]. Die Museen moderner und zeitgenössischer Kunst sehen sich in den durch die sogenannte digitale Revolution potenzierten Möglichkeiten der elektronischen Datenverarbeitung und Kommunikationstechnologie mit besonderen Herausforderungen und Problemen konfrontiert. Der inhaltliche und formale Komplex, das motivische Repertoire einer wirklich zeitgenössischen Kunst ist auf Wahrnehmungs- und Denkmodelle, auf psychologische, soziale, ästhetische Eckwerte unserer öffentlichen Räume ausgerichtet (wozu natürlich auch der museale Vermittlungsrahmen gehört).

In einer Zeit, in der Kunst immer häufiger die Museen verlässt und in alternativen Räumen öffentliche Konfrontation sucht, interessiert nicht mehr das autonome, vorrangig formalistisch und in Bezug zu einer einzelnen Künstlerpersönlichkeit zu befragende Kunstwerk, sondern dessen inhaltliche und formale Einbindung an einen Ort - einen einmaligen, begrenzten Ort im wörtlichen Sinn, oder einen Ort im allegorischen oder funktionalen Sinn. Die Kunst denkt heute über sich selber, das heisst über ihre Themen und ihren Kontext nach [4].

Gerade aus dieser weitgehend selbstreferentiellen Beschäftigung zeitgenössischer Kunst erwachsen letztlich auch die Möglichkeiten eines künstlerischen Umgangs mit Sprache. Indem Kunst mit, wenn auch äusserst reduzierten, Sprachmitteln arbeitet, mit einzelnen Wörtern, kurzen Aussagen oder Satzfragmenten, stellt sie sich in einen völlig neuen Kontext. Ihre Bedeutung fällt mit ihrer Form zusammen, oder ihre Form ist ihre Bedeutung. Diese Kunst bedient sich vordergründig ironischer Strategien, um die Oberflächen des schönen Scheins und des Trivialen gleichsam von hinten zu beleuchten [5]. Geschickt wird dabei allerdings jede Eindeutigkeit einer möglichen Botschaft unterlaufen.

Ausstellungen zeitgenössischer Kunst tasten ihre konkreten Kontexte ab, die sie als Projektionsfläche benötigen und zugleich mit- und reinszenieren. Das MZK Museum für zeitgenössische Kunst hinterfragt diese Relation von Kunst und Kontext neu. Das Museum ist Anlass und Schauplatz einer eingehenden Beschäftigung mit Sprache und Kommunikation im Kontext der Kunst und ihrer Rezeption, wobei seine Arbeit im wesentlichen in der Besprechung der eigenen Tätigkeit besteht [6]. Die Darstellung und Bearbeitung kontextfremder Themen als künstlerische Themen bringen dabei die Kunst selbstreflexiv als System ins Bewusstsein. Scharf konturierte, aus ihrem Kontext isolierte Schriftzüge werden zu bissigen, ironischen Kommentaren montiert und auf Plakaten oder als grossflächige Beschriftungen sowohl im öffentlichen wie auch im musealen Rahmen gezeigt und zur jeweiligen Umgebung in Beziehung gesetzt. Es wird ein fundamentales Misstrauen gegenüber dem Bild, der Sprache und der tradierten Rolle der Kunst formuliert. Als Antwort auf die inflationäre Bildlichkeit der Medienwelt wird ein eigentlicher Bilderstreit vom Zaun gebrochen, der heute im Angesicht des digitalen Zeitalters aktueller denn je erscheint.

Die Betrachtenden sehen sich angesichts dieser Fragen in ihrem eigenen Standpunkt verunsichert [7]. Betrachtungen sind abhängig von der Betrachterposition, deren Blickwinkel einzigartig ist. Die Rezipientinnen und Rezipienten sind es, die nicht nur die Ausstellungen und damit die Kunst, sondern vor allem auch die Kunstkritik - interpretierend - auf den gegebenen Kontext anwenden [8]. Sie sind es aber auch, die aus der Überfülle von angebotenen Texten letztlich ihren eigenen Text, ihre eigene Kritik der Kunst formulieren: selbstverständlich nicht, ohne dabei von den Stereotypen einer gängigen Kunstkritik und -rezeption Gebrauch zu machen.

Bei vermeintlicher Präzision sind die Auftritte des Museums für zeitgenössische Kunst reiner Zufall, vielleicht sind sie auch das Resultat einer unbewussten, unmittelbaren Ästhetisierung eines wissenschaftlich anmutenden Prozesses [9]. Die Arbeiten überzeugen aber bei virtuoser Handhabung der verwendeten Medien vor allem durch die Komplexität der Struktur und durch die technische Präzision der Umsetzung. Diese Kunst interessiert eigentlich nichts Spezifisches, oder dann alles, sie entwindet sich dem Setzungscharakter des Ästhetischen; sie wirkt karg und der Kontext konstruiert, so dass die Präsenz der Arbeiten effektiv zum willkürlichen Zusammentreffen gerät.

Kunst verweist auf nichts als auf sich selbst und behauptet für sich eine eigene autonome Wirklichkeit, die nur in aktiver Wahrnehmung erschlossen werden kann. Kunst ist eine öffentliche Tätigkeit, und doch ist nur was im spezifischen Kontext der Kunst verhandelt wird, letztlich Teil des Kunstsystems [10].

 

Der Text ist erschienen in: Naturally Art, Kunst in der Stadt 3, Kunsthaus Bregenz und Kunstverein Bregenez (Hrsg.), Köln 1999.

 

 

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Anmerkungen zum Text

 

[1] Zeitgenössische Kunst muss den ganzen, sonst ausgeblendeten Kontext ihrer Tätigkeit reflektieren und diesen zum eigentlichen Thema ihrer Arbeit machen. [zurück zum Text]

 

[2] Kunstwerke sind keine isolierten Einheiten. [zurück zum Text]

 

[3] Die Kunst generell ist an einen Punkt gekommen, wo man um die Begriffe nicht mehr herumkommt. Man kann nicht mehr aus dem Unbewussten rein künstlerisch arbeiten. [zurück zum Text]

 

[4] Bestehende Kontexte werden nach bestimmten Vorstellungen ständig reproduziert, und sind weit entfernt von Neuformulierung oder kritischer Reflexion über die gegebenen Strukturen, Abläufe, Ausgrenzungsprozesse und Wertsetzungen. [zurück zum Text]

 

[5] Es scheint hier darum zu gehen die Erwartungen des Publikums zu brechen, nicht im Sinn einer Demontage des Herkömmlichen freilich, sondern als eine unvoreingenommene Verarbeitung all dessen, was da ist. [zurück zum Text]

 

[6] Das MZK | Museum für zeitgenössische Kunst wendet sich gegen einen autonomen Kunstbegriff, indem sie seine kontextuelle Abhängigkeit nicht verbirgt, die Kunst also gleichsam dazu bringt, ihre - ungesicherten - Bedingungen zu reflektieren. [zurück zum Text]

 

[7] Das Publikum möchte vermehrt über das Gefühl und nicht über das analytische Verständnis angesprochen werden. [zurück zum Text]

 

[8] Die Kunst beschäftigt sich auch mit der Rolle, nicht nur mit der professionellen Kritik, sondern auch mit kritischen Positionen, die im Rahmen der verschiedensten Disziplinen zutage treten. [zurück zum Text]

 

[9] In ihrer Gesamtheit lässt sich Kunst nicht entschlüsseln. [zurück zum Text]

 

[10] Die Bedeutung der Kunst jedoch erschöpft sich innerhalb der Kunst, für das wahre Leben ist sie nicht von Bedeutung. [zurück zum Text]

 

 

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