Matthias Kuhn. Die mechanische Sprache

Text aus: Rutishauser/Kuhn. Spracharchive

 

 

Buchstaben werden zu Wörtern, Wörter zu Sätzen, Sätze zu Texten angeordnet. Text ist Anordnung: Textur. Text ist eine Anhäufung von leeren Zeichen. Text steht geschrieben. Er ist ein Produkt, aus Buchstaben gefertigt. Analysiert man Text, führt man ihn auf seine Mikrostruktur zurück, auf seine einzelnen Buchstaben.
Den einzelnen Buchstaben kann man sprechen. Entweder erstickt er im Hals, oder er klingt bis zum Atemende.
Ein Wort ist sprechbar: ein differenzierterer Klang.
Sprechen ist eine mechanische Abfolge von Zeichenäusserungen: wir hören!
Der Buchstabe, isoliert, oder zu Wörtern gereiht, wird als Kombination gerader, schiefer und gebogener Linien dargestellt. Schreiben ist mechanisches Zeichensetzen in linearer Abfolge: wir lesen!
Konstruiert aus den einzelnen Formen und Zeichen hat jeder Text primär grafische Qualität und gerät dadurch in die Nähe von Bildern. Lesbar, also hörbar, scheint der Text zwar verständlich, in einem grundlegenderen Sinn ist er aber nichts mehr und nichts weniger als: Lautmalerei.
Vom Alfabet ausgehend, dem anagrammatischen Grundmaterial der Sprache, erscheint die Sprache in grösstmöglicher Ordnung: alle Texte sind, zerlegt und sortiert, sichtbar.
Die neue Unform, in der jeder Text alfabetisch vorliegt, ist nicht nur die Grundlage zur Konstruktion einer Vielzahl von neuen, widersprüchlichen Texten, inklusive des Urtextes selbst, das Alfabet ist gleichzeitig das Resultat sprachlicher Dekonstruktion.
Der alfabetisch geordnete Text: die gezeichnete und gesungene Sprache, frei von Bedeutung. Die Sprache undeutbar. Die Buchstaben abstrakt, der Text entwendet, obwohl latent vorhanden: die Sprache selbst!

 

 

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Copyright by: Matthias Kuhn, Trogen 1993.    Aktueller Stand: 01.2000.    Kontakt unter: rkzuerich@access.ch