Matthias Kuhn. Die gedeutete Sprache

Text aus: Rutishauser/Kuhn. Spracharchive

 

 

Der einzelne Buchstabe, das Wort, Buchstaben, linear gereiht, als Zeichen betrachtet: das Zeichen hat nichts mit dem Gegenstand zu tun, den es be-zeichnet, isoliert, ist es in keiner Art und Weise verständlich.
Trotzdem vermögen wir jede Zeichenabfolge indem wir sie sprechen / schreiben, als etwas erkennen, das uns weiterverweist, nicht auf die Zeichen zurück, sondern über sie hinaus. Was wir jetzt hören / lesen macht Sinn, haben wir zuordnen gelernt. Wie die Bedeutung in die Worthüllen findet, wie die Wörter mit Bedeutung geladen werden, ist nicht nachvollziehbar. Es scheint eine willkürliche, weil weder inhaltlich, noch formal, noch sonst irgendwie begründete, allerdings höchst selbstverständlich internalisierte Zuordnung zu bestehen. Materialer Text ist inhaltlich bedeutungslos. Wir dringen deutend in ihn ein, um ihn zu ent-decken, nicht um etwas über seine Zeichen zu erfahren, sondern um zu hören, worüber diese Zeichen beredt und vieldeutig sprechen.
Wir suchen die Verbindungen mit unseren subjektiven Vorstellungen, assoziieren, bauen den Text inhaltlich aus, ergänzen, streichen weg, so dass jeder Text, ursprünglich die Äusserung eines Autors, die Seite wechselt und zum Text eines Lesers wird. Den Urtext kann, streng genommen, niemand nachvollziehen. Er bleibt unter Verschluss, im Gedächtnis des Autors.
In seiner Vieldeutigkeit gelangt der Text zu einer Dimensionalität, die ihn unverständlich und undiskutierbar macht. So, wie im materialen Text allein noch keine Bedeutung liegt, überlädt sich der gedeutete Text und entlädt sich an der Überdeutung: das Ende der Sprache.

 

 

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Copyright by: Matthias Kuhn, Trogen 1993.    Aktueller Stand: 01.2000.    Kontakt unter: rkzuerich@access.ch