Rutishauser/Kuhn. Der Text als Gebrauchsanweisung

Text aus: Rutishauser/Kuhn. Der Text als Gebrauchsanweisung, performative Lesung

 

 

Wir beschäftigen uns mit Text, der Sprache als Material; Text ist ein alfabetisches Konstrukt, Text ist Darstellung und Ordnung; Text manifestiert Sprache.
(Max Bense sagt:) «Text nennen wir alles, was aus Sprache gemacht werden kann.» Text ist eine Reihung von Buchstaben zu Wörtern, von Wörtern zu Sätzen, von Sätzen zu Text: Text ist eine Konstruktion.
Bei der Dekonstruktion von Text bleibt das Alfabet als materiale Struktur zurück. Das Alfabet liefert in seiner Rekonstruktion nicht nur den Urtext wieder, sondern jeden beliebigen Text, jeden beliebigen Urtext, der zerlegt wiederum nichts ist, als das Alfabet selbst (: das Alfabet als Baukasten der Sprache, aus dem wir uns bedienend, durch eine Vielzahl von neuen Texten zum einen Text finden).
Jeder Text enthält somit nicht nur den einen, interpretierten Text, sondern zusätzlich eine Vielzahl von neuen, latenten Texten, die bei der alfabetischen Systematisierung entstanden sind.
Jeder Text wird von einem alfabetischen Kanon an unfassbaren Texten begleitet, die in ihrer Vollzähligkeit zwar nie existieren, assoziativ aber auf jeden Fall erahnbar sind.
Wir beschäftigen uns mit der Sprache, mit der wir über die Sprache arbeiten. Wir beschreiben die Manipulationen, die wir am Text vornehmen.
Der Text verselbständigt sich in dieser Weise doppelt: erstens gibt der Autor, indem er das letzte Zeichen setzt, die Autorität über den Text auf und übergibt sie dem Leser, der sich den Text zu eigen macht. Zweitens erhält der Text in seiner Selbstreflexivität einen Sonderstatus: er beschreibt, was er darstellt, er stellt dar, was er beschreibt usw.
[These] Wir haben es bei diesem Text demzufolge mit einer Art von Metatext zu tun, indem der Text inhaltlich die Form kommentiert, die Form aber auf den Inhalt rekurriert, indem sie die Ausführung des Textes als Gebrauchsanweisung ist; indem der Text den manipulativen Vorgang thematisiert, der ihn formal zu dem macht, was er inhaltlich bespricht.
[These: Variante 1] Wir sind bei diesem Text demzufolge mit einer Art von Metatext konfrontiert, indem der Text inhaltlich die Form deutet, die Form sich aber auf den Inhalt beruft, indem sie die Ausführung des Textes als Gebrauchsanweisung darstellt; indem der Text den manipulativen Vorgang darlegt, der ihn formal zu dem formt, was er inhaltlich beurteilt.
[These: Variante 2] Wir haben es bei dieser Abfassung demzufolge mit einer Darstellung von Metatext zu tun, indem die Abfassung inhaltlich die Machart kommentiert, die Machart aber auf den Gehalt rekurriert, indem sie die Durchführung der Abfassung als Benutzungsvorschrift ist; indem die Abfassung das manipulative Geschehen thematisiert, das sie formal zu dem macht, was sie inhaltlich bespricht.
[These: Variante 3] Wir sind bei diesem Inhalt demnach mit einer Variante von Metatext konfrontiert, indem der Inhalt innerlich die Kondition deutet, die Kondition sich aber auf die Substanz beruft, indem sie die Darstellung des Inhaltes als Aufforderung darstellt; indem der Inhalt das beeinflussende Ereignis bespricht, das ihn dem Buchstaben nach zu dem bringt, was er bedeutsam kritisiert.
Wir haben es mit dem Text und seinem Kontext zu tun. Der Text: der, vom Autor geschrieben, materiell brachliegt und in seiner Übersetzung, inhaltlich durch sich selber angewiesen, in einen Zustand inhaltlich-formaler Verdichtung kommt. Der Kontext: der den Text nicht nur erschliesst, sondern (in einer Metatextebene) der Text selber ist.
(So können wir uns ganz zurückziehen:) die Sprache spricht, inhaltlich und formal, über die Sprache; die perpetuierende Sprache: die Sprache selbst.

 

 

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