Georg Rutishauser. Die doppelte Bewegung

Text aus: Rutishauser/Kuhn. Spracharchive

 

 

Bild und Text sind statisch und in Bewegung zugleich. Sie sind, einmal entstanden, immer da, halten still, ruhen und kommen erst Kraft der Betrachtung, der Lektüre, wieder in Bewegung.
Als abgeschlossenes Produkt, Ergebnis des Arbeitsprozesses, sind sie erstarrt, erhärtet (eine abgekühlte Flüssigkeit). Sichtbar sind die Spuren der erschaffenden Bewegung. Indem der Betrachter, der Leser, diesen Spuren folgt, sie liest, sie nachzeichnet, wird der Text, das Bild (in ihm), wieder verflüssigt, kommt in Bewegung (und er damit).
Im Vorgang des Schreibens sind zwei Richtungen, zwei sich zuwiderlaufende Bewegungen angelegt: die Ausformung der Buchstaben und Zeichen, Wort für Wort, und das Ziehen der Linien über die ganzen Seiten.
Während die sprachliche Lesbarkeit der Schrift das exakte Nachformen der Zeichen, gemäss erlernter Konvention verlangt, lebt die Bewegung des Schreibens von der Linearität, vom Fliessen. Verlangsamt sich das Schreiben, so tritt die lineare Bewegung, das Fortschreiten, hinter die lokale Bewegung, die Zeichenausformung zurück. Zum Schluss versiegt mit ihr der Text.
Wird das Schreiben hingegen beschleunigt, so tritt die Linearität hervor, gewinnt an Bedeutung. Das Schreiben beginnt zu fliessen, wird zum Ziehen von Linien - zum Zeichnen.
So wie die Rede (die gesprochene Sprache) im Gesang körperlich wird, so wird der Text (die geschriebene Sprache) im Schreiben, im Zeichnen körperlich. So wie die Rede zur Musik, so wird der Text zur Zeichnung, zum Bild.

 

 

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Copyright by: Georg Rutishauser, Zürich 1993.    Aktueller Stand: 01.2000.    Kontakt unter: rkzuerich@access.ch