Clemens Umbricht. Das richtige Wort

Text aus: Rutishauser/Kuhn. Spracharchive

 

 

Die Tinte wäre Schatten.
Philippe Jaccottet

Wer schreibt, zumal wer Gedichte schreibt, lässt sich auf ein prinzipiell endloses Unterfangen ein. Das treffende Wort nämlich, das richtige Wort kann immer auch ein anderes sein. Wovon hängt ab, was gelingt? Wann hat sich die Sandspur der Sinnhaftigkeit genügend gefestig, damit der Leser, die Leserin sie kreuzen kann?
Ein Einfall ist ja noch kein Gedicht, eine Idee keine fertige Form; noch fehlt die Anstrengung zur Kunst. Wo aber beginnt das Gedicht - das eigene Gedicht? Wieviel muss treffen? Genügt es, dass ich schreibe? Ich - der unverwechselbare Autor? Jedes Wort schon sein Wort, jeder Gedanke schon sein Gedanke? Das wäre zumindest beruhigend. Und die Suche nach dem Gedicht wäre einzig die Suche nach mir. Indes, so einfach liegt die Sache nicht. Ein Text ist ein Text, und sein Autor mag sich finden oder nicht. Die Wörter und, mit oder ohne Reim, ihre Reihung - das kann Technik sein, gelernt werden bis zu einem bestimmten Grad. Aber die Kunst: bearbeitetes, hochgeschliffenes Material. Gedankenarbeit und nichts als Arbeit und Verwandlung. Der Text, dem Leser, der Leserin übergeben, muss für sich sprechen, ohne Erklärungszusatz («das habe ich gemeint, und das vielleicht auch»). Kenntlichkeit des Stils, Identifikation des einen unter anderen ist Folge, nicht Ursache: das richtige Wort, immer wieder das richtige Wort. Kein anderes, nur das: weit über dem Einfall, längst über die Idee, notwendigerweise auch über das Handwerk hinaus: Text als Literatur, gegen den schnellen Verbrauch, gegen rasches Abschmecken.
Das richtige Wort, es trifft die Mitte, unerbittlich. Es ist die Leerstelle, das Loch im Papier, der Punkt, an dem alles stillsteht. Der blinde Fleck, der Stachel, die Falltür. Es stellt die Frage nach dem Gelingen. Und es stellt sie gnadenlos. Wer um den Anfang herumkäme - schwer vorstellbar allerdings -, den verriete die Mitte: die grosse weisse Wand. Sie entlarvt, stellt bloss. Die unbarmherzige Mitte! Kein Mogeln, kein Schummeln hilft. Wo der eine Ton aus der Reihe fällt - wenn die Reihe denn bis dahin, aus vielen richtigen Wörtern und vielen richtigen Tönen bestehend, stimmt - wo er falsch klingt, dem intendierten Sinn zuwiderläuft, ist alles verloren. Jeder Musiker weiss davon. Die Mitte fehlt - und sie annulliert den Beginn. Sie fehlt - und sie hebt das Ende auf. Entbindet zumindest von der Anstrengung, ans Ende zu gehen. Ende. Aus. Ein neues Blatt Papier!
Das richtige Wort? Conrad Ferdinand Meyer rang jahrelang damit. Joseph Conrad, der Pole, fand es im Englischen. Vladimir Nabokov, der Weltmann, stiess in mindestens drei Sprachen darauf. Paul Celan, der in Paris deutsche Gedichte schrieb, übersetzte aus dem Französischen, Russischen, Englischen, Italienischen, Rumänischen, Portugiesischen, Hebräischen - immer das richtige Wort! Und Ezra Pounds «Cantos»? Ganz zu schweigen von James Joyce! Das richtige Wort im «Ulysses», in «Finnegans Wake»! Oder etwa die Übersetzer (Übersetzerinnen?) der Bibel? Lauter richtige Wörter! Über jeden Zweifel erhaben! Lauter richtige Wörter? Immer und jedesmal ohne Gewissensbiss? Kein einziges falsch, improvisiert, weniger dem Kalkül als schleudernd sich selbst überlassen.
Dabei steht nicht das eine schroff gegen das andere. Das falsche muss nicht zwingend falsch sein, weil es nicht richtig ist. Der Raum der Auswahl ist gross, sprachgross. Und sinnweit! Den Surrealisten, der «écriture automatique», war ein jedes Wort recht. War es so? Und was ist mit den Beat-Poeten? Was mit Ginsberg, mit Ferlinghetti, mit Gregory Corso? Oder ganz anders: das richtige Wort, auch im sogenannten freien Vers, auch im kurzen, knappen Textformat - der Kompositionsauftrag schlechthin? Bei Ramon Jiménez, bei Antonio Machado keine Frage. Und erst im Haiku (oder Haikai), der lyrischen Kurzform aus Japan: drei Zeilen mit zusammengerechnet 17 Silben und «heiter skizzierter Pointe». Das richtige Wort, mit äusserster Strenge. Und trotzdem: die Intuition, diese unsichtbare Reiseführerin, entscheidet am Ende in eigener Regie, auch hier. Sie ist es, die der Wortfolge von Anfang an Richtung und Richtigkeit - oder aber den schiefen Winkel - gibt. Geben muss, geben kann.
Das richtige Wort wirft auch die Frage nach dem richtigen Schreiben auf. Das eine ist das andere. Das richtige Wort, mindestens, zur richtigen Zeit! Aber: nur gerade dieses eine Wort? Nur gerade dieser Satz, der steht? Die eine Rosine, im ansonsten löchrigen Kuchen? Was wäre Goethes «Werther», wenn er nach dem fulminat-verblüffenden «Klopstock»-Einvernehmen enden würde? Was wäre T. S. Eliots «The Waste Land» ohne die Zitate Ovids, Dantes oder der Upanischaden? Gewiss, nicht immer müssen Bezüge derart weit reichen. Mit dem einen Satz, mit dem einen Wort allein ist es indes nie getan. Das Gedicht und sein inneres Gestänge verlangen von selbst Jetztzeit und Komposition, ein Höchstmass an seismografischer Empfänglichkeit - als Ganzes, auch als Kontinuität. Der schwierige Anfang, die schwierige Mitte (und ihre Folgen in jeder Richtung): hier, im Ganzen wie im Teil, entscheidet sich's, wirkt es vor und zurück. Fehlt etwas, fehlt alles. Und zuweilen führt, wie Rainer Malkowski es beschreibt, die «Entwicklung des Schriftstellers» auch darauf hinaus: «Anfangs / warf er die beschriebenen Blätter weg. / Später / alle erreichbaren / leeren.»
Ein sprachlicher Glücksfall, was gelingt, zweifellos! Und nur davon lebt die Literatur. Er führt weiter, immer wieder mit neuem Ansatz, öffnet Türen und ganze Räume. Er bannt und zaubert. Das Verstummen, eben noch zum Greifen nah, zieht sich zurück, kapituliert. Und sei's für kurz! Der nächste Satz, das nächste Gedicht ist erreichbar, im Sprung, über das Semikolon, über Zeile und Abschnitt hinaus. Der nächste Gedanke, hier ist er! Das nächste Bild, hier steht es! Vage vielleicht erst, in Konturen, als Raster; eine Skizze, die vorderhand nichts anderes ist als eine Möglichkeit, die ihrerseits Wahl, Einschnitt und Eingriff verlangt. Aber der Anfang ist gemacht! Für einmal und neu. Hier ist er: die Endlosigkeit kann wieder beginnen. Zuvor und danach bleibt die Plage, aber auch die Lust, sensibel zu sein, Wörter auf (Neben-, Ober-, Unter-) Töne abzutasten und ihren Klopfschall zu deuten. Das Verfahren ist endlos. Das richtige Wort kann immer ein anderes sein. Sein erleichternder Klang gehört dem Perkussionisten, der nie weiss, welchen Trommelwirbel er auslöst.

 

 

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